Themenwoche „Gemeinsam gegen Einsam“ – Depressionen Teil 2 – Ein Erlebnisbericht als nahe Angehörige

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© Thalea Storm

Anlässlich des 1-jährigen Jubiläums von „Löwenflügel“ veranstaltet Thalea Storm zusammen mit ihren Bloggern eine Themenwoche, „Gemeinsam gegen Einsam“ – Leben mit Psychischen Erkrankungen.
Wir möchten auf verschiedene psychische Krankheiten aufmerksam machen. Im heutigen Thema geht es um Depressionen. Jasmine vom Blog „Lesemärchen“ hat bereits erklärt, was eine Depression ist und was dahinter steckt. ACHTUNG an Betroffene:
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© Thalea Storm

Ich habe dazu einen Erfahrungsbericht als nahe Angehörige geschrieben. Selbst bin ich von Depressionen nicht betroffen gewesen, aber ich erlebte, wie mir nahestehende Personen schwer daran erkrankten. Es war für mich ein besonderer Schritt, diese Ereignisse nun zusammen zu schreiben, da ich seit Jahren nicht mehr darüber gesprochen habe.

Die Depression ist eine schreckliche Krankheit, die nicht nur das Leben einer erkrankten Person schwerwiegend verändert, sondern auch das der Personen im unmittelbaren Umfeld. Vielen ist nicht bewusst, dass auch diese massiv darunter leiden.

Mein Erlebnisbericht dreht sich um meinen Stiefvater. Er erkrankte vor vielen Jahren an Depressionen und hat uns dies lange Zeit erfolgreich verschwiegen. Ich war damals ein Teenager und verstand nicht, was hier vor sich ging. Irgendwann benahm sich mein Stiefvater „komisch“. Er war ständig traurig, mürrisch, schimpfte viel und verbrachte seine Zeit allein in seinem Musikzimmer. Zum ersten Mal verstand ich erst was vor sich ging, als mein Stiefvater drohte sich um zu bringen und verschwand. Damals fuhr ihm meine Mutter, im 8. Monat schwanger, hinterher. Zu diesem Zeitpunkt begann eine Horrorzeit von 5 Jahren für uns.

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Lizenzfrei von Pixybay

Denn es wurde immer schlimmer… Täglich, wenn ich von der Schule nach Hause kam, hatte ich Angst, dass er wieder schlechte Laune hat. Er stritt sich viel und ständig mit meiner Mutter. Er drohte uns immer wieder damit sich umzubringen. Ich hatte ständig Angst, dass er meiner Mutter, meinen Geschwistern oder sich selbst etwas antun würde. Dabei merkte ich auch wie sehr die Worte meine Mutter und meine Geschwister verletzten. Auch uns ging es dadurch immer schlechter. Es war grausam für mich mitanzusehen, wie es meiner Familie, die ich über alles liebe, mit jedem Tag schlechter ging. In mancher Situation, brachte ich meine Geschwister in mein Zimmer, damit sie nicht wieder alles mitanhören mussten. Ich versuchte auch meiner Mutter zu helfen und war für sie da.

Die Therapien, die es als Hilfe gab, nahm mein Stiefvater nicht an. Er empfand Psychiater als nutzlos, da sie sowieso nicht helfen können. Er lehnte auch sonstige Hilfe komplett ab. Besonders schwer wurde es für mich, als ich zur Berufsschule rund 650 Kilometer weit weg musste. Mich plagte ständig die Angst, was zu Hause vor sich ging. Während der zweiten Berufsschulklasse bekam ich kurz vor Weihnachten einen Anruf von meiner Mutter, mein Stiefvater hatte versucht sich umzubringen. Nach dem Telefonat brach ich im Heimzimmer zusammen. Meine Zimmerkollegin fand mich und kümmerte sich um mich.

Solche Situationen, wie diese, gab es in diesem 5 Jahren immer wieder. Nur, dass ich da nicht mehr zusammenbrach. Ich wurde zu einer starken Person und verbarg meine Gefühle. Mit der Zeit wurde ich der Fels in der Brandung für meine Familie und versuchte alles um meine Mutter und meine Geschwister zu unterstützen bzw. zu beschützen. Heute kann ich nicht mehr sagen, wie oft mein Stiefvater versucht hatte, sich umzubringen. Er wusste genau wie weit er bei seinen Selbstmordversuchen gehen konnte, damit es nicht lebensgefährlich wurde.

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Lizenzfrei von pixabay

Mein Stiefvater kam immer wieder in die Psychiatrie. In den geschlossenen als auch in den offenen Vollzug. Eine Zeit lang halfen diese Aufenthalte, aber irgendwann ging es wieder von vorne los. Es ist schwer, wenn man damit aufwachsen muss. 5 Jahre in denen man unter anderem mit dem Satz „Ich bring mich um!“ gequält wird. 5 Jahre in denen ich täglich schreckliche Angst um meine Familie und meinen Stiefvater hatte. Denn damals hatte ich auch meinen Stiefvater gern.

Heute, viele Jahre später, leben mein Stiefvater und meine Mutter getrennt. Zur Trennung kam es wegen etwas anderem und nicht wegen der Depressionen. Meine Mutter und meine Geschwister blühten in dieser Zeit auf, ihnen ging es mit jedem Tag besser. Dankbar bin ich dafür, dass wir es zusammen aus dieser Abwärtsspirale heraus geschafft haben. Die Bindung zu meiner Mutter und meinen Geschwistern ist sehr eng. Ich habe sie unglaublich fest liebt und bin noch heute ihr Fels in der Brandung. Außerdem bin ich mir sicher, dass wir unser Leben lang eng miteinander verbunden bleiben werden. Auch mein Stiefvater hat einen Weg herausgefunden und lebt heute relativ normal.  Ich hoffe, dass ich euch zeigen konnte, dass auch nahe Angehörige massiv unter so etwas leiden.

Der Wochenplan:

27.12. Angststörungen
28.12. Depressionen
29.12. Zwangsstörungen
30.12. Multiple Persönlichkeitsstörung
31.12. Posttraumatische Belastungsstörung
01.01. Burnout
02.01. Essstörungen
03.01. Borderline Persönlichkeitsstörung

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